James Kennedy ist ein australischer Chemielehrer, der auf seinem Blog “All Natural” für natürliche Lebensmittel wie Erdbeeren, Bananen, Ananas und Eier Zutatenlisten in genau der Form erstellt, wie sie auf verarbeiteten Produkten gesetzlich vorgeschrieben ist – inklusive Fachbezeichnungen und E-Nummern statt Alltagsnamen.
Sein Ziel: Bekämpfung von “Chemophobie”
Der zentrale Antrieb hinter seinem Projekt ist die Auseinandersetzung mit Chemophobie – der irrationalen Angst vor allem, was chemisch benannt ist, unabhängig davon, ob die Substanz natürlichen oder künstlichen Ursprungs ist. Sein eigenes Zitat bringt die Absicht auf den Punkt: Er habe diese Grafiken erstellt, um zu zeigen, wie „natürlich” Lebensmittel sind und dass sie auch die oft gefürchteten Inhaltsstoffe enthalten.
Konkret zeigt sich das methodisch daran, dass eine gewöhnliche Erdbeere auf dem Papier rund 80 Inhaltsstoffe aufweist, obwohl sie zu über 90% aus Wasser besteht und sich der Rest auf Zucker (Fructose, Glucose, Saccharose), Ballaststoffe, organische Säuren und Mineralstoffe verteilt – Stoffe, die bei einem verarbeiteten Produkt mit derselben Fachterminologie sofort als “künstlich” oder “bedenklich” wahrgenommen würden.
Besonders aufschlussreich ist sein wiederkehrendes Beispiel mit Glutaminsäure: In seinen Zutatenlisten von Banane, Erdbeere und Ei taucht immer wieder “Glutamic Acid” auf – beim Ei sogar an zweiter Stelle direkt hinter Wasser. Das ist chemisch identisch mit dem oft kontrovers diskutierten Glutamat (E621, Mononatriumglutamat), das in verarbeiteten Lebensmitteln häufig als besonders “künstlich” gebrandmarkt wird, obwohl die Aminosäure eine natürliche, nicht-essenzielle Proteinbaustein-Komponente ist, die auch im menschlichen Körper vorkommt.
Kennedy fasst seine Position selbst in klaren Kernaussagen zusammen: Ein Leben ohne Chemie sei nicht möglich, “natürlich” bedeute nicht automatisch “gut”, künstliche Chemikalien seien nicht grundsätzlich gefährlich, und synthetische Chemikalien verursachten nicht pauschal viele Krebsarten und andere Krankheiten.
Interessant ist, dass Kennedy trotz seiner Anti-Chemophobie-Botschaft kein bedingungsloser Verteidiger aller Zusatzstoffe ist. Er räumt selbst ein, dass er der Deklaration von Produkten hohe Wichtigkeit beimisst und Produkte mit Mononatriumglutamat oder Maissirup mit hohem Fruchtzuckergehalt persönlich eher nicht kaufen würde – unabhängig davon, wie gesund oder lecker das Produkt sonst wirkt. Seine Botschaft zielt also nicht darauf ab, Zusatzstoff-Skepsis pauschal zu entkräften, sondern die rein sprachlich-assoziative Verurteilung von Chemikalien-Namen zu korrigieren, während er gleichzeitig für informierte, transparente Kennzeichnung eintritt.
Für seine Grafiken nutzt Kennedy nach eigenen Angaben valide Daten aus publizierten gaschromatographischen Analysen sowie Fachliteratur aus der Botanik – die Listen sind also keine reine Polemik, sondern stützen sich auf reale Stoffanalysen, was seiner Argumentation zusätzliche Glaubwürdigkeit verleiht und sie von bloßer Meinungsäußerung abhebt.
Kennedy verfolgt mit der chemischen “Zerlegung” natürlicher Lebensmittel primär also ein wissenschaftskommunikatives Ziel – er will zeigen, dass die reine Nennung eines chemischen Namens nichts über Natürlichkeit, Sicherheit oder Schädlichkeit einer Substanz aussagt, und dadurch zu einer sachlicheren, weniger angstgetriebenen öffentlichen Debatte über Lebensmittelzusatzstoffe beitragen.
